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Der Hund der nicht folgt

Heute Morgen hatte ich eine Begegnung im Wald. Mit einer Frau. Mein Hund lief unangeleint vor mir. Dann kam eine Frau um die Kurve und blieb am äusseren Rand des Weges stehen. Sie fixierte mit ihrem Blick meinen Hund. Ich nahm an, dass sie Angst hat vor Hunden und beeilte mich nach vorne zu meinem Hund zu gelangen. Ich wies meinen Hund mit Worten an, sich an den Rand zu bewegen. Mein Hund machte genau das Gegenteil. Mein Hund lief weiter und wollte auf die Seite der Frau wechseln. Ich sprach erneut das Kommando „geh rüber“ zu meinem Hund, der dieses Kommando schon 1000 mal vorher problemlos befolgt hatte. Mein Hund reagierte nicht, also setze ich meine Körpersprache ein und stellte mich zwischen meinen Hund und die Frau um meinen Hund von ihr wegzudrängen um so für mehr Abstand zu sorgen. Mein Hund reagierte nicht auf meine Körpersprache und so musste ich mich bücken, um den Hund am Geschirr zu fassen und ihn an den Rand des Weges zu ziehen. Mein Hund war irritiert, lief dann aber geordnet bei Fuss neben mir weiter.

In diesem Momente setzte sich auch die Frau in Bewegung und beim Vorbeigehen, kurz nachdem sie uns gekreuzt hatte sagte sie: „Der folgt ja nicht einmal.“ Ich war irritiert und als sie schon fast ausser Hörweite war erwiderte ich: „ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“.

Diese Begegnung hat etwas in mir ausgelöst. Ich hatte den Impuls mich aufzuregen um meine Scham zu kaschieren, dass ich versagt hatte. Ich fragte mich dann aber, was ich aus dieser Situation lernen kann. Was mir das sagen will. Denn ich weiss ja, dass mein Hund folgen kann (auch wenn er es nicht immer tut). Und in solchen Situationen manchmal genau das Gegenteil von dem tut, was von ihm erwartet wird. Ich habe öfters beobachtet, dass er zum Beispiel kurz vor dem Kreuzen eines Joggers auf die Seite des Joggers wechselt. Manchmal auch bei entgegenkommenden Personen. Fünf Meter vorher - Zack! Zuerst dachte ich, dass sei Zufall. Mein Hund sei nicht aufmerksam. Kann die Gefahren nicht richtig einschätzen. Und ja, das ist eine mögliche Sichtweise. Eine andere Sichtweise ist, dass es für den Hund keinen Grund gibt, jemand entgegenkommendes schon fünf Meter vorher aus dem Weg zu gehen, wenn doch genug Platz ist um aneinander vorbeizukommen. Das ist die Logik eines Hundes. Vielleicht hat das mit seiner Wahrnehmung von Raum etwas zu tun. Raum den er ganz selbstverständlich für sich einnimmt ohne sich um andere zu kümmern. Mit anderen Hunden ist mein Hund in dieser Hinsicht viel aufmerksamer und auf den anderen Hund fokussiert. Überlegt genau, wie er sich bewegt und reagiert auf die Körpersprache des anderen Hundes und seines Menschen. Bei Menschen? Fehlanzeige.

Sie (mein Hund ist eine Sie) scheint sich bei entgegenkommenden Menschen so zu bewegen wie es ihr gerade passt. Sie beachtet sie kaum. Ausser es ist jemand, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Verhalten meiner Hündin hat aus einer menschlichen Perspektive betrachtet etwas von einer sanften Rebellion. Sie erzwingt nichts, aber lässt sich auch nicht beirren von anderen Menschen ihren Weg fortzusetzen. Sie weicht anderen Menschen nicht aus. Sie passt ihr Verhalten nicht an, nur weil jemand anderes klare Vorstellungen davon hat, wie ein korrekt dressierter Hund zu funktionieren hat weil er oder sie entschieden hat, auf dieser „Seite“ des Weges zu gehen. Es entspricht jedoch auch nicht dem natürlichen Bewegungsmuster eines Hundes, in einer geraden Linie auf - und an einem anderen Hund vorbeizugehen. Hunde laufen in „Bögen“ auf einen anderen Hund zu und umkreisen einander, bevor sie sich begrüssen. Sie respektieren so den Raum des anderen Hundes und können sich aus einer sicheren Distanz „beschnuppern“ - die Duftmoleküle des anderen Hundes aufnehmen, um wichtige erste Informationen über den hormonellen Zustand via Ausdünstung des anderen Hundes zu sammeln. Ein Hund der sich in Bögen bewegt gibt auch mehr Duftmoleküle in seine Umgebung ab als ein Hund, der sitzt oder steht. Es ist auch nicht natürlich für Hunde, aufeinander zuzurennen wenn die Distanz zueinander weniger als 5 m beträgt. Wenn also meine Hündin erst 2 Meter vor einem Menschen einen Bogen um ihn macht, dann weil das ihrem natürlichen Instinkt entspricht. Es hat nichts mit Rebellion zu tun, sondern einem instinktiven, natürlichen Verhalten das wir Menschen genauso in uns tragen, nur haben wir vergessen uns daran zu orientieren. Weil wir zwar intuitiv wahrnehmen. Aber uns verboten haben intuitiv zu handeln. Wenn ich 20 Meter vor einer Begegnung mit Mensch und Hund die Strassenseite wechsle und ohne Bogen diese kreuze dann nicht, weil das dem natürlichen Verhalten der Hunde entspricht, sondern weil dann der andere Mensch das Gefühl von Kontrolle hat, da er nicht in der Lage ist, auf seine Intuition, sein Bauchgefühl zu hören und das Bewegungsmuster des Mensch-Hund Gespanns intuitiv zu „lesen“. So konstruieren wir Menschen im Umgang miteinander soziale Rahmenbedingungen um die Erlaubnis zu bekommen, uns so oder so zu verhalten. Diese Rahmenbedingungen kreieren Verhaltensweisen, also Rollen die wir einnehmen als Arbeitskollege, Chef, Freund, Partner, Kind, Eltern und geben uns vor, wie wir uns adäquat zu verhalten haben in Situationen. Wir definieren einen privaten und einen öffentlichen Rahmen und richten unser Verhalten danach. Wir nennen das dann Arbeitskultur, Tradition, Familie und Freundeskreis und reglementieren uns gegenseitig in unserem Verhalten. Anstatt dass wir uns direkt begegnen – von Mensch zu Mensch – sind wir bemüht nicht aus der Rolle zu fallen. Anstatt aus dem Augenblick heraus Entscheidungen zu treffen stülpen wir uns gegenseitig Konzepte über nach denen wir das Verhalten des Gegenübers bewerten.

Wir verstecken uns hinter Masken und Rollen weil wir verlernt haben, uns selbst, unserem Inneren Kompass zu vertrauen. Wir brauchen dieses „Framing“ damit unser Verstand das Gefühl hat, alles unter Kontrolle zu haben. Auch wenn es innerlich ganz anders aussieht. Und das ist genau was ich an meinem Hund so liebe - je nach Situation ist sie draufgängerisch oder zurückhaltend, verspielt oder desinteressiert, laut oder leise, aufgeregt oder ruhig, angespannt oder locker, ängstlich oder freudig. Ihr innerer Zustand drückt sie ungefiltert und direkt aus. Keine Strategie, keine Manipulation, kein „ich muss mal erst überlegen“, kein Bewusstsein einer bestimmten Rolle. Kein zurückhalten von Emotionen welche einer bestimmten Rolle, einem bestimmten Setting nicht angemessen sind. Sie reagiert auf den augenblicklichen Moment. So wie es auch Kinder tun: Weniger „folgen“ – mehr „sein“.

Darum sagte ich zu meinem Hund, als wir wieder aus dem Wald rauskamen: „Komm, Hund der nicht folgt!“ und sie folgte mir. Nicht gerade. Nicht bei Fuss. Aber in dieselbe Richtung.


 

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