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Systeme haben ein Ego-Problem

Bedeutung entsteht oft nur durch Deutung – und wer die Deutungshoheit hat, bestimmt die Richtung. Warum wir aufhören müssen, unser Menschsein an den egozentrischen Mechanismen starrer Systeme zu messen.

Es ist unserer menschlichen Natur inhärent, Bedeutsamkeit zu erzeugen. Mit dem, was wir tun, wollen wir Bedeutung erzeugen. Wir möchten die Welt nicht verlassen, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Ohne etwas erzeugt zu haben, das unserer Existenz eine Daseinsberechtigung verliehen hat. Es ist daher eine zutiefst existenzielle Frage, woran wir den Wert unserer Daseinsberechtigung messen, woran wir sie ausrichten.

Und da wird es spannend. Denn wenn es einen Referenzpunkt braucht, eine messbare Grösse, um unser Wirken als berechtigt im Sinne von Bedeutungsvollem einzuordnen, zu bewerten – dann braucht es eine Bewusstheit und eine Klarheit darüber, in welchem Rahmen, in welchem Kontext, in welchem Raum wir uns befinden, wenn wir unser Tun bewerten. Denn je nach Rahmen, je nach Kontext ändert sich auch die Bedeutung.


Gefährlich wird es dann, wenn wir Deutung mit bedeutsamer Wirksamkeit verwechseln. Diese Gefahr ist jedoch jedem in sich geschlossenen System – jedem Deutungsrahmen – inhärent. Mit «jedem geschlossenen System» meine ich «Schulsystem», «Arbeitswelt», «Familien(-system)», «Sozialsystem», «Unternehmen», «Wirtschaftssystem», «Gesundheitssystem», «Religionsgemeinschaft», «Cliquen», «Teams», aber z. B. auch «TikTok», «LinkedIn», die «Modewelt» – dies alles sind in sich geschlossene Systeme, die Bedeutung durch Deutung erzeugen. Das, was die Mehrheit der Akteure darin als wichtig bewertet, wird automatisch zu richtig. Was «richtig» ist, gibt die Richtung vor.

Die Frage hierbei ist: Wer in diesen «Systemen» bestimmt die Richtung, wer hat die Deutungshoheit? Wer hat die Verantwortung darüber zu bestimmen, wie der Rahmen – das System – zu funktionieren hat? Wer definiert dieses System? Und was für Menschen braucht es, um dieses System zu tragen? Oder anders gefragt: Wie kann ein System möglichst viele Menschen für sich instrumentalisieren? Die Antwort: Indem es die Gier und den Neid der Menschen ankurbelt – indem es das Ego des Menschen füttert mit seichten Versprechen von Bedeutsamkeit.


Ein weiteres interessantes Phänomen, das Systemen inhärent ist: Wenn Systeme nicht an Bedeutsamkeit verlieren wollen, dann sind sie gezwungen, sich permanent selbst zu bestätigen. Ihre Veränderungen und Anpassungen sind nicht radikal, sie sind marginal und gehen nur so weit, dass dieses System als Ganzes nicht infrage gestellt werden muss. Das macht sie leider nicht zu intelligenten Systemen, sondern zu sich selbst reproduzierenden Wahrheiten, die ihr eigenes System bestätigen, jedoch nicht wirklich verbessern. Systeme haben kein Potenzial. Sie sind starr und auch nicht wirklich lernfähig. Lernfähig im Sinne von sich selbst entfalten und über sich selbst hinauszuwachsen, um zu etwas Sinnvollerem, Bedeutungsvollerem zu werden.

Fazit: Systeme nähren sich nicht an Bewusstsein, sie entwickeln sich nicht wirklich weiter und sie erzeugen in sich selbst auch keinen Sinn. Systeme sind nicht intelligent. Und Systeme können nicht wachsen. Systeme sind dazu da, um sich selbst zu reproduzieren. Systeme definieren den Rahmen, wie wir etwas deuten. Systeme dienen nicht als Referenzpunkt für bedeutsame Wirksamkeit. Systeme deuten Wirksamkeit nicht menschlich. Systeme deuten Wirksamkeit mechanisch.

Und wenn wir als Mensch, als Individuum diese Systeme (unbewusst) reproduzieren/antizipieren/verkörpern, dann verwechseln wir Sichtbarkeit mit Bedeutsamkeit. Schnelligkeit mit Wirksamkeit. Reproduktion mit Innovation. Anpassung mit Beweglichkeit. Struktur mit Richtung. Geschäftigkeit mit Wirkung. Lächeln mit Präsenz. Zeit mit Qualität. Wiederholung mit Fundament. Geld mit Wert. Funktion mit Zweck. Und Mensch mit Objekt.

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